Vorbemerkung:
Am 9. Juli 2003 hatte ich die Aufgabe übernommen, in unserer Kapelle die Andacht zu halten. Im folgenden könnt ihr meine Auslegung der Tageslosung (Jes. 14, 27) nachlesen.]

Andacht vom 20 August 2003 (Archiviert)

Liebe Andachtsgemeinde,
die Tageslosung ist dem Buch der Sprüche Salomos entnommen. Zusammengestellt worden ist dieses Buch in der Blütezeit Israels, der Herrschaft Salomos. Israel war ein eigenständiger Staat, der eine Verwaltung brauchte. Dieses Weisheitsbuch sollte Richtlinien für das öffentliche Leben geben. Darüber hinaus enthält es Sprichwörter, die auch im privaten Leben Geltung haben. Und alle Weisheitsbücher sind auch Dichtkunst.
Unsere Tageslosung gehört in dieses Buch. Und sie ist vielen Menschen, die unsere Bibel kennen, bekannt. Andere Autoren der Bibel zitieren sie nicht wortgetreu, aber dem Sinne nach: so der Verfasser des Hebräerbriefes (Hebr. 12,5.6) und der Johannes unserer Offenbarung (Offb. 3,19). Und sie taucht auch im Buch Hiob auf.
Im Buch Hiob geht es um die Frage nach dem Sinn des Leides. Und um Leid geht es ja auch, wenn der Herr jemanden züchtigt. Und züchtigt er uns, dann ist es unser Leid. Hiob wird schwer geschlagen: er verliert seinen Nachwuchs, sein Vermögen, und er erkrankt am Aussatz. Schließlich besuchen ihn drei Freunde, beklagen ihn und schweigen mit ihm. Dann beginnen Hiob und seine Freunde im Wechsel zu reden. Einer seiner Freunde, Elifa von Teman, spricht so: Lesung Hiob 5, 17-19 So einfach soll es sein! Was Gott tut, das ist wohlgetan. Und Hiob? - Er klagt. Er beharrt auf seinem Recht, in seinem Leid nicht das Gute suchen zu müssen. Zitat: "Darum will auch ich meinem Munde nicht wehren. Ich will reden in der Angst meines Herzens und will klagen in der Betrübnis meiner Seele." (Hiob 6,11) Hiob steigert sich bis zum Todeswunsch. Wir sehen, dass es nicht einfach ist mit dieser Losung. Wer will einerseits abstreiten, dass auch in dem alten Wort Zucht ein Körnchen Wahrheit liegt? Natürlich müssen jeder menschlichen Willkür, und nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, Grenzen gesetzt werden. Wir alle brauchen Leitplanken. Und gerade den Eltern - Salomo hat nur von den Vätern gesprochen - kommt da eine wichtige Verantwortung zu. Aber die Losung taugt andererseits nicht dazu, jedes Leid schönzureden. Und sie kann auch nicht herhalten, einen autoritären Erziehungsstil zu rechtfertigen. Es gab gute Gründe, dass die Prügelstrafe an den Berliner Schulen abgeschafft wurde. Was hatte schließlich Gott dem Elifas zu sagen? - Wir lesen im 42. Kapitel: "Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob." (Vers 7) Amen.

Gebet

Alles das, was uns noch bewegt, wollen wir in der Stille bedenken.
Stilles Gebet.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Uwe Heiland